Die Kamera ist eine Pinsel

Die Kamera ist eine Pinsel

Abstrakte Fotografie: Experimentieren mit neuen Ausdrucksweisen.


Die Kamera ist eine Pinsel. In Licht eingetaucht kleckert das Objektiv lustvoll Formen und Farben auf den Sensor, bis Funken sprühen. Zeit und Bewegung erlauben den Pinselstrich – langsam oder schnell, spitz oder stumpf. Es ist wie ein Spiel, aber ein Spiel bei dem die Spielregeln erst entdeckt werden.

Abstrakte Fotografie erschliesst ganz neue Sichtweisen und überraschende Bildwelten. Der Fotograf muss sehen, was nicht sichtbar ist, er muss sozusagen das Bild aus der Wirklichkeit herausschälen, ganz ähnlich wie ein Bildhauer die Figur durch wegmeisseln von überflüssigem Stein zum Vorschein bringt.

Malen mit Licht

Bei der Bildserie hier oben geht es um Licht (Farbe) und Bewegung. Dabei entstehen Formen und Strukturen, die es nirgendwo tatsächlich gibt, die aber trotzdem fotografiert werden konnten.

Abstrakt erscheint undefiniert. Es lässt sich in keine bekannte Schublade stecken. Vielleicht werden Licht und Dunkel vorgetäuscht, oder eine Bewegungsunschärfe. Formen tauchen auf, die entfernt an bekannte Zusammenhänge erinnern. Die Sprache ist vielleicht unbekannt? Es ist nur eine andere Sprache.

Nicht jeder kann mit abstrakten Bildern etwas anfangen. Es fehlen dafür die Schubladen. «Was hast Du da fotografiert?» ist dann oft die Frage. Gibt man die Antwort, dann ist das die Schublade. Endlich! Entspannung tritt ein. Das Bild hat irritiert, aber jetzt kann man es einordnen, ablegen und zum nächsten Bild weiter gehen. Die Welt ist wieder vertraut.

Lieber erstelle ich irritierende Bilder, bei denen man länger hinschaut. Bilder mit Emotionen, mit einer anderen Perspektive.

Erinnerung

Nicht mehr ganz so abstrakt erscheint dieses Bild. Zwar geht es immer noch um eine stark vereinfachte Form, jedoch lässt sich hier eine Person vermuten. Wir erkennen die Form. Wir interpretieren nach unserer Seh-Erfahrung. So sind wir voreingenommene Zuschauer der Welt und bekannte Formen werden auf abstrakte Formen übertragen.

Täuschung oder Entdeckung?

Hier ist ein Bild, das näher an die Realität anschliesst. Es handelt sich unverkennbar um eine Strassenszene. Verstörend ist, dass der Fussgänger mit dem Zebrastreifen verschmilzt. Obwohl sich diese Szene vor meinen Augen zugetragen hat, haben meine eigene Augen das nie so gesehen. Erst die Kamera hat dieses Bild geschaffen. Ich habe sie dazu ermutigt. Ist das nun eine Täuschung oder eine Entdeckung?

Mix

Ein Zug rast vorbei. Durch das Fenster sieht man kurz die Menschen auf dem gegenüberliegenden Gleis. Wenn man das Bild so sieht, hat man den Zug erkannt ohne ihn zu sehen. Es gibt keine äussere Form. Die Farben sind vielleicht nur in der Schweiz bekannt. Vielleicht sogar muss man selber regelmässig mit dem Zug unterwegs sein, um dieses Bild auf Anhieb einzuordnen.

Ausloten

Ich sehe etwas, die Kamera sieht etwas. Zusammen sehen wir mehr.

Die Kamera ist eine Pinsel. Der Sensor ist das Leintuch.

Los geht’s.


Bildgeschichten: Die betende Nonne

Die betende Nonne

Die Geschichten hinter den Bildern


Jedes Bild hat eine Geschichte. Gute Bilder faszinieren auch ohne grosse Erklärung. Das macht sie zu guten Bildern. Aber hinter der Aussage eines Bildes steht das Sujet, stehen Begegnungen und Erlebnisse, steht die Aufnahme, steht die Bildverarbeitung, steht die Interpretation. Alle diese zusammen machen am Schluss das Bild aus, das entsteht.

Das Bild der betenden Nonne

Dieses Bild entstand vor einigen Jahren in Paris. Ich war mit der Kamera unterwegs, hatte gerade zuvor ein Museum besucht und kam an einer kleinen Kirche vorbei. Ich wüsste heute nicht mehr genau wo es war. Neugierig lief ich rein. Die Kirche war nicht besonders gross, das Licht eher dämmrig. Und ich war nicht allein.

Eine ältere Nonne lief mitten durch die Kirche in Richtung des Altars. Dort kniete sie hin. Genau wo sie sich hinsetzte gab es einen Lichtstrahl durch einen Fenster. Es war ein magischer Moment fokussierter Versenkung. Ich habe ein paar Bilder gemacht.

Farbe oder schwarzweiss?

Das Licht in der Kirche war schlecht. Zwar gab es eine hervorragende Lichtstimmung, aber das Licht war insgesamt zu schwach. Die Fokussierung, welche ich wahrgenommen hatte war auf dem Foto nicht so stark. Oder mit anderen Worten: Ich hatte selbst eine viel intensivere Wahrnehmung gehabt als was das Foto wiedergab. Es gab ausserdem ein starkes Rauschen in den Farben und das Bild war unverarbeitet ganz unbrauchbar.

In der Bildverarbeitung nun wurde das Foto nach schwarzweiss umgewandelt und sorgfältig retuschiert. Damit kam die ursprüngliche intensive Versenkung der Nonne wieder besser zur Geltung. Eine Kontrastverstärkung hat die Fokussierung verbessert. So entstand Schritt um Schritt das Bild einer betenden Nonne.

Bildvergleich: Mit dem Schieberegler auf dem Bild links kann man ein vorher/nachher-Vergleich machen.

Bildinterpretation

Es gibt immer eine Bildinterpretation. Eine Interpretation von dem was man wahrnimmt, in dem Moment da man den Auslöser an der Kamera drückt. Dann aber auch die Interpretation am Bildschirm. Das Bildformat muss ausgewertet werden. Stimmt die Farbbalance? Muss ein Ausschnitt vom Bild gemacht werden? Braucht das Foto eine Optimierung? Muss es gerade gestellt werden? Diese und ähnliche Fragen beantwortete der Fotograf früher in der Dunkelkammer. Heute finden diese Überlegungen am Bildschirm statt.

Eine leistungsfähige Bildbearbeitung ist unerlässlich für die Verarbeitung von Fotos.

Mehr von solchen Geschichten und Einblicke? Newsletter abonnieren!


Schwebende Architektur

Schwebende Architektur


Spiegelungen

Fotografie ist nie statisch. Bilder werden gemacht. Sie werden vor der Kamera inszeniert, hinter der Kamera komponiert und nachher am Computer interpretiert und optimiert. Was als Resultat dabei herauskommt ist immer eine persönliche Interpretation.

Nimmt man ein Foto als Ausgangspunkt für ein ganz anderes Bild, geht es nicht mehr um das ursprüngliche Bild, sondern um das neu erstellte Bild, um den neu erstellten Eindruck. Eine neue Realität entsteht.

Bei den vier nachfolgenden Bildern geht es um einen Ausschnitt einer Serie zum Thema «Spiegelungen». Die fotografierte Architektur wird durch die Spiegelung von der Erde losgelöst, schwebt und erscheint leicht durch die Lüfte zu schweben.


Mensch

Mensch

Mensch. Bewegung. Laufen. Zerfall. Schwarz. Auseinander brechen. Leben. Vorwärts. Teilweise. Kontraste. Weiss.

 

 


Multergasse

Multergasse

Vorbeigehen, einkaufen, laufen, bewegen, begegnen, besorgen, warten und reden. Und Zeit. Zeitlupe im Bild. Eine Verdichtung der vielen Bewegungen, Gedanken und Möglichkeiten. Multergasse, St. Gallen.


Bäume in schwarzweiss

Bäume in schwarzweiss

Fotografie ist ein Sehen-Lernen. Dasselbe Thema immer wieder zu fotografieren ist deshalb nur eine Art, die Sicht zu differenzieren, zu verbessern. Beispielsweise «Bäume». Das Spiel mit Flechten auf dem Stamm, in schlechten Lichtverhältnissen aber mit hohem Kontrast, führte wie natürlich zu folgenden Bildern.